Brutales Verbrechen geklärt: Amerikaner auf Fahrrad gestellt

Ort des Verbrechens: Ein entzückendes Kaffe in Zagreb
Zeitpunkt des Verbrechens: 1.11.2017, Allerheiligen, etwa 16:30 Uhr
Tatbestand: Diebstahl
Entwendeter Gegenstand: Atem
Täter: Travis Hugh Culley

Es gilt NICHT die Unschuldsvermutung.

Ein sonniger Mittwoch im sagenumwobenen Zagreb. Nach einem anstrengenden Tag in den „Bergen“ Zagrebs (der „Berg“ ist für uns Österreicher eher ein größerer Hügel) steht noch ein unschuldiger Besuch in einem Zagreber Kaffeehaus an.
Nichts ahnend werde ich von Katharina Z. in die „Cafe Bar Kic Klub“ gelockt, um ein Heißgetränk meiner Wahl zu genießen. Doch im Kaffee in gleich in der Nähe des Ban Jelacic Platzes erwartet einem nichts Gutes… Doch dies sollte ich erst später bemerken.
Beim Eintreten wird man überwältigt von Büchern. Entlang der Wände finden sich Regale, bis obenhin voll mit Büchern. Zu dieser Zeit hat Katharinas Falle natürlich schon längst zugeschnappt. Ich war gefesselt vom diesem grazilen Anblick. Nachdem das Heißgetränk meiner Wahl - ein Pfefferminztee- vor mir steht, wage ich mich in die Untiefen des Lokals.
Mit großen Augen gehe ich von Regal zu Regal. Doch ich finde nichts als kroatische Bücher. Am Boden zerstört kämpfte ich mich noch zum letzten verbliebenen Regal im ganzen Kaffeehaus. Und da war es.
Anfangs ganz unscheinbar, doch dann bin ich schon seinem Bann erlegen. Es war wie das berühmte Licht am Ende des Tunnels. Wie eine Oase inmitten einer Wüste nach tagelangem Umherirren ohne Wasser. Hier ist sie, meine Quelle. „Der Fahrradkurier“.
Doch anfangs erkenne ich gar nicht, welchen kostbaren Schatz ich in meinen Händen halte.
Nichtsahnend, und selig wie eine Nonne sonntags in der Kirche, öffne ich das Buch und beginne zu lesen. In diesem unbedachten Moment, diesem kleinen Augenblick, diesem winzigen Atemzug, war das Verbrechen auch schon geschehen.
Er war weg. Einfach weg. Einfach weg. Weg.
Hilfesuchend blicke ich mich um, doch auch Katharina geht es ähnlich. Völlig unerwartet hat er zugeschlagen. So wie ein hungriges und freches Eichhörnchen im Tierpark Schönbrunn Nüsse aus den Händen der Leute stiehlt, so hat es Herr Culley und sein Komplize „Der Fahrradkurier“ mit unserem Atem gemacht. Wir können nur noch "Oh mein Gott"s, oder "Wahnsinn"s formen, alles andere bleibt vor Staunen in unserem Rachen stecken.

Es geht nicht um das Was, sondern viel mehr um das Wie.

In etwa so habe ich mich gefühlt als ich das erste Mal dieses Buch gelesen habe. Ich habe noch nie so eine schöne Sprache gesehen. Nahezu jeder Satz, ein Kunstwerk. Immer wieder muss ich innehalten, weil ich so überwältigt bin von diesem Schreibstil. So etwas habe ich in meinen langen 22 Jahren noch nie erlebt.
Der Inhalt, Culleys Erfahrungen als Fahrradkurier sind nicht spannend, eher träge, doch sein Stil raubt mir den Atem.
Er verwendet eine starke bildhafte Sprache. Metapher knallt auf Metapher. Man verliert sich in den Worten und Bilder und staunt.

Zufällig war genau dieses Buch weder zum Verkauf noch zum Verleih gedacht, da es eine Sonderausstellung zum Thema „Fahrrad“ war. So musste ich wieder kommen um weiter an dem Buch zu lesen. Beim dritten Mal bin ich zufällig auf die eigentlich Besitzerin gestoßen, die mir sehr großzügig das Buch geborgt hat. Gerade liegt es neben mir und ich bin einfach nur glücklich dieses Meisterwerk in meinen Händen zu halten, denn, dies war mir schon zum zweiten Mal in dieser Woche bei einem Buch passiert, war das Buch restlos vergriffen und nicht mehr bestellbar. Dadurch ist es gleich nochmal wertvoller für mich. 

Anmerkung der Redaktion: Obige Erzählung könnte etwas übertrieben dargestellt sein und wurde eventuell von „A Gun for Sale“ von Graham Greene, ein Krimi der in der Vorkriegszeit des 2. Weltkriegs in Norwich (Nottwich) spielt, inspiriert.

Foto: Roland Scheitz