„ICH, MICH, MEINER, MIR, dass sind mir die liebsten 4.“

Es ist Sonntagabend und ich habe meinen Blogeintrag noch immer nicht geschrieben… Die dabei aufsteigende Freude ist nur sehr schwer in Worte zu fassen. Ich muss mich wirklich zurücknehmen um im trostlosen Lernraum meines Studentenwohnheims, der mit seinen kahlen Wänden und arg in Mitleidenschaft gezogen Mobilar eine wundervolle Metapher meines Innersten darstellt, nicht auf den nächst besten Tisch zu springen und vor Freude laut los zu tanzen.

Der obige Absatz fasst auch sehr gut meine vergangene Woche zusammen, von schmerzhaften Erkenntnissen, falschgebuchten Flügen und bis hin zu Verzweiflung über den Tiefensuch-Algorithmus.
Im Laufe der Woche habe ich realisiert, dass eigentlich nur noch !!sechs Wochen!! übrig bleiben um elf Bücher zu lesen. Puuuuuuh. Ich sage euch, dass hat mich gestresst. Plötzlich hat sich alles nur noch ums Lesen gedreht. Und das meine ich im negativen Sinn.

Ich wollte alleine Mittagessen, alleine Straßenbahn fahren, möglichst schnell nach Hause kommen, habe versucht Menschen und Gesprächen auszuweichen. Nur damit ich stattdessen lesen kann.
Irgendwann war dann der Moment erreicht, an dem ich einen Schritt zurück gemacht habe und mich selbst beobachtet habe. Ganz ehrlich… ich war ein bisschen schockiert. Denn genau DAS wollte ich nicht erreichen mit dieser Challenge. Die Person soll, nein vielmehr, MUSS, vorgehen. Ein Mensch ist ein gegenüber, hat ein Sein, eine Seele, eine Würde. Ein Sein, das über allem steht. Eine einzige Person ist unendlich viel mehr wert, als alle Bücher auf dieser Welt zusammen. Und ich maße mir an plötzlich über den Dingen zu stehen, weil es um meine Challenge geht?!
Ich bin ein großer Kritiker des derzeitigen Egoismus in der Welt. Ein Egoismus, der alles verschlingt. Ein Egoismus, der alles vergisst. Ein Egoismus, der alle vergisst. ICH. ICH. ICH.
MEIN Ego braucht Nahrung. ICH brauche Bestätigung. Ganz egal woher. Und wenn ich sie mir selbst gebe. Wenn ich sie mir selbst besorge.
52 Bücher in 52 Wochen… Ja dann habe ich es mir bewiesen. Dann habe ich nicht nur allen anderen, sondern vor allem MIR selbst bewiesen wie toll ich bin.

STOP!

Merkt ihr was?! Es gibt plötzlich nur noch die 1.Person Singular. „ICH, MICH, MEINER, MIR, dass sind mir die liebsten 4.“ STOP. Jetzt aber wirklich.

„Zufälligerweise“ (als Christ glaubt man ja nicht an Zufälle ;) ) habe ich diese Woche mit dem Hörbuch „Einfach Gebet“ von Johannes Hartl begonnen. Der vollständige Titel heißt „Einfach Gebet: Zwölfmal Training für einen veränderten Alltag“. Bis jetzt habe ich sechs oder sieben dieser Übungen hinter mich gebracht. Jeden Tag eine.
Angefangen hat es mit „15 Minuten mit offenen Handflächen da sitzen und an nichts denken“.
Am 4. Tag ist es dann passiert… Die Übung bestand aus zwei Teilen:
Eine Stunde in der Natur sitzen und einfach nur wahrnehmen. EINE STUNDE. Und wahrnehmen bedeutet, nicht zu denken, nur zu beobachten, auch nicht zu beurteilen, nicht daran denken was ich noch esse, nicht daran denken was noch alles zu tun ist, nicht an die Fehler der Vergangenheit zu denken. Nein einfach nur sitzen und sehen, hören, riechen, schmecken, spüren. 

Die ersten 40 Minuten waren echt einfach. Ich konnte alle Gedanken immer wieder auf die Seite schieben und einfach nur wahrnehmen. Ich habe Dinge gesehen, gehört, gespürt, die ich NIE im Leben so beobachtet hätte (ist eine andere Geschichte). Nach diesen 40 Minuten war plötzlich Schluss mit wahrnehmen. Es war so, als wäre ich eine Zeit lang in der TU Bibliothek gesessen und trete dann hinaus auf den Karlsplatz. Laut, laut, laut. Ich habe mich die letzten 20 Minuten durchgequält, aber es war eigentlich zum Vergessen.

Mit jemanden ein Gespräch führen und nur auf den andern achten. Nichts von sich erzählen, sondern wirklich interessiert sein am anderen. Nachfragen. Und spiegeln. Den anderen und seine Probleme, seine Sorgen, sein SEIN wahrnehmen.

Und da war sie. Die schmerzhafte Erkenntnis. Die schmerzhafte Erkenntnis, dass wir nicht nur ein ICH sind, sondern auch ein DU, ein WIR, sind.

Ich habe jetzt beschlossen, meine Challenge mehr zu genießen. Quasi der Weg ist das Ziel. Das heißt jetzt nicht, dass ich aufgebe. Nein. Ich möchte das Lesen wieder genießen. Möchte mir Zeit nehmen und mich nicht stressen für ein Buch.
Bücher haben es trotzdem noch immer ziemlich drauf.

„ICH, MICH, MEINER, MIR sind nicht die wichtigsten hier.“